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© 2018 by bader molden recordings

Sigrid Horn

i bleib do

Zum zweiten Album von Sigrid Horn

 

Woke up this morning. So beginnt der Blues, noch immer die gültige Keimzelle moderner Songs. Absolute Gegenwärtigkeit als Grundvoraussetzung für ein Lied, das vom singenden zum hörenden Menschen überspringen und letzteren berühren soll. Wenn dieser Mensch eines sicher weiß, dann das: Heute früh bin ich aufgewacht. Hier und Jetzt sind alles, was zählt. Das übrige ist, bestenfalls, Gepäck.

 

I glaub i woa am Mea, singt Sigrid Horn in der ersten Zeile ihres zweiten Albums „I bleib do“. Ein erster Regelverstoß also, denn nichts ist in dieser Zeile sicher. Im Gegenteil, es herrscht der offene Zweifel, aber dieser ist wie alles von Sigrid Horn mit solcher Autorität vorgetragen, daß die Hörerin, der Hörer die ausgestreckte Hand ergreifen müssen und mitgehen. Schauen wir, was ist hier passiert? Und allmählich schält sich Gewißheit wie eine Perle aus dem Song: Die Sängerin war nicht am Meer, nein, sie ist nicht ganz weit hinaus geschwommen und auch nicht fast ertrunken. Der Kontrollverlust, der Taumel, der Schwindel und die roten Augen, all das kommt einmal nicht vom Abgrund her. Nein: She’s in love.

 

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Als Sigrid Horn Ende 2018 ihr Debut „Sog i bin weg“ auf Charlie Baders und meinem noch ganz nagelneuen Label veröffentlichte, war manches noch ganz anders. Frau Horn hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und an einem niederösterreichischen Gymnasium als Musiklehrerin zu arbeiten begonnen. Und Charlie  ich standen unsererseits auf dem Standpunkt, wonach wir unsere Veröffentlichung verehrter Künstler und Künstlerinnen auf jeweils ein Album beschränken würden: eine einmalige Begegnung, Hier und Jetzt wie im Blues, eine Platte, dann geht jeder seiner Wege.  

 

Aber, oh Sigrid! Frau Horns Lieder schlugen in der Musiklandschaft ein wie Hagel in ein Erdäpfelfeld. Zeitungen, Radios, einflussreiche Menschen griffen zu Superlativen in der Beschreibung von Sängerin und Songs. Vom Popfest abwärts luden die Festivals die Mostviertlerin ein, obendrein  gewann sie eher nebenbei den Protestsongcontest und erspielte sich in anderthalb Jahren einen erstklassigen Ruf als Live-Könnerin, ob nun mit ihrer fabelhaften kleinen Band oder solo mit ihrer Ukulele. Nach einem Jahr gab Sigrid Horn ihren Lehrberuf wieder auf, um sich ganz der Kunst zu schenken. Schließlich teilte sie uns relativ apodiktisch mit, ihre zweite Platte solle und werde ebenfalls bei uns erscheinen, als eine echte und legitime Fortsetzung der ersten. Mit anderen Worten:  „I bleib do“.  

 

Um Sigrid Horn zu widersprechen muß man, wie man in Österreich sagt, ein paar Knödel gegessen haben. Ich habe das ein, zweimal gewagt, aber nicht in diesem Fall. Wozu auch?

 

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Die zehn Songs auf „I bleib do“ sind mehrfach konzentrierte Kunstwerke, niemals eindeutig aber immer klar. Es sind Berichte aus der innersten Mitte des Lebens, gesungen mit der äußersten Entschlossenheit, keinen einzigen Moment dieses Lebens nur mit halber Kraft anzugehen. Die Berichte handeln von Wasser und Luft, von Hingabe und Sinnlichkeit, von Vorfahren und Kindern, von Naturgewalten und dem alten Land zwischen Wachen und Träumen.

 

Die Musik hat sich gegenüber dem Vorgängeralbum subtil und organisch verändert, aus den fragilen, schönen und manchmal fremden Folk-Skeletten des Erstlings sind berauschend arrangierte Songlandschaften geworden. Daran beteiligt, wie bisher: Sarah Metzler, eine Art rätselhafte, betörende, unberechenbare Wetterhexe an ihrer Harfe, und der Multiintrumentalist Bernhard Scheiblauer, einer der durchlässigsten und souveränsten Mit-Musiker hierzuorts, der immer das Richtige tut, wenn es gilt, einen an sich schon großen Song mittels Tasten, Saiten oder den süßen Zungen seiner Concertina noch zu vertiefen.

 

Neu an Bord dieser poetischen Kampf- und Wandertruppe ist der in Wien lebende brasilianische Produzent Felipe Scolfaro Crema, der seine vielfältige Sozialisation, zuletzt auch in der zeitgenössischen Elektronik, wie einen Kompass bei der Reise durch ein fesselndes und verstörendes Land benützt. Seine Aufnahmen und Mixes stellen die Musikerin und ihre Band in einen so noch nicht gehörten Raum, jenseits aller kultureller Zuordenbarkeit, jenseits aller Hörgewohnheiten. Die Produktion definiert ein imaginäres  Reich, in dem die so exotischen Sprachen, Stimmen und Visionen der Dichterin und Sängerin Sigrid Horn vollkommen zuhause scheinen. Charlie Bader und ich wissen, daß diese Platte eine Reise ist. Wir haben sie schon hinter uns, jetzt schicken wir Sie dorthin. Wir können versichern: Wir sind wohlbehalten und glücklich.  

 

Ernst Molden, Wien, März 2020

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