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ursula strauss und ernst molden 

wüdnis

Die Zusammenarbeit der Schauspielerin Ursula Strauss mit dem Songwriter und Dichter Ernst Molden gibt es seit sieben Jahren: Zweimal haben die beiden gemeinsam die Wiener Festwochen auf dem Rathausplatz miteröffnet und quer durch Österreich  zahlreiche Konzerte gespielt.

In den vergangenen Jahren hat Ernst Molden für Ursula Strauss und sich ein Dutzend neuer Lieder geschrieben. Nach einer umjubelten Vorpremiere bei der Eröffnung des Schrammelklang Festivals 2019, folgen im Jahr 2020 das Album WÜDNIS und die dazugehörige Tour.

Die Songs, reduziert auf zwei Stimmen und elektrische Gitarre, erzählen von der Wildnis in und zwischen den Menschen, vom verkleideten Krieg draussen auf der Gasse und von den Fluchten in die Nacht, in den Wald, in die Liebe.

stefanie panzenböck über "wüdnis":

Inzwischen am Meer

 

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Der Schlüsselsatz liegt auf der Hainburger Straße, irgendwo im dritten Wiener Gemeindebezirk. Von den Menschen, die dort aufs Glück warten, führt er direkt in die Ewigkeit. „Zeit muss nicht immer vergehen“, lautet er, oder, um aus Ernst Moldens Text zu zitieren „zeid muass ned imma vagee“. Manchmal bleibt sie stehen und deutet auf eine Bank am Straßenrand. Setzt man sich hin, hört man auf einmal das Meer rauschen, sitzt am Leopoldsberg oder begegnet der letzten Mörderin, die in Wien am Galgen starb. Was im Album „wüdnis“ entsteht, ist eine Stadt aus Zwischenräumen. Sie ist da, wenn die Zeit sich Zeit lässt.

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Vor einem Fenster des Studios steht eine Birke. Hinter ihr breitet sich eine Ebene aus, die im Nebel bald auf sich selbst vergisst. Im oberen Stockwerk der Cselleymühle sind die Gitarrenkoffer geöffnet, auf einem

kleinen Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch. Zwischen den schöngeschriebenen Songzeilen windet sich die Zeichnung eines Wegs. Hinter den Mikrofonen stehen Ursula Strauss und Ernst Molden, die Schauspielerin und der Musiker. Zwei, die sich gefunden haben. Seine Lieder mit der Gitarre zu ihrer gemeinsamen Stimme.

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„Ready?“ fragt Ernst Molden. „Born ready“, antwortet Ursula Strauss. „Am liebsten würde ich immer durch- drehen“, sagt sie über ihren Schauspielalltag. Die Müdigkeit kommt mit der Pause. Deshalb wird auch im Studio keine gemacht. Selbst wenn nach jedem Lied ein kleiner Film abgedreht ist. Ernst Molden erzählt von Aufnahmen mit anderen Musikern, langen Spaziergängen und Plaudereien, die diesmal nicht stattfinden.

Er mustert seine Albumpartnerin, während er seinen Arm lockert. Dann nimmt er die Gitarre in die Hand.

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„Die Lieder an sich sind traurig“, sagt Ernst Molden. „Aber dadurch, dass sie in die Welt kommen, werden sie auch lustig, weil das menschliche Schicksal lustig ist.“

„Das Vorhandensein von Traurigkeit ist die Voraussetzung für einen guten Schmäh“, sagt Ursula Strauss. „Und der beste Schmäh findet im Scheitern statt.“

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Auf dem Album „wüdnis“ ist das Meer ein Ort am Ende einer Sehnsucht. Sogar für den Teufel, der gleich zu Beginn der „feiawea“ dorthin vorauseilt. Das Meer beherbergt die Toten und die Liebe, es fängt den Weg auf und wartet bei der Straßenbahnhaltestelle. Ernst Moldens Lieder sehen auf Papier so aus, als wären sie in einer Geheimsprache geschrieben. Doch dann schälen sie sich aus der Sprache und werden Musik. Und spazieren weiter ins „woedliad“. Dort zwinkert die Zeit in die ersten Sonnenstrahlen, die durch ein Baumkronendach fallen. Während die Erde unter die Fingernägel rutscht, legt sich die Wärme auf die Stirn, tanzen zwölf Feen, und sogar die 13. ist dieses Mal eine gute. Wenn da nicht der Krieg wäre, der den Karneval liebt, der sich amüsiert und verkleidet. Bis dem „griag“ fad wird und er gleich in die Menschen selber hineinkriecht.

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Wien schickt seine Gäste. Theresia Kandl, jene Frau, die als letzte Mörderin bei der Spinnerin am Kreuz erhängt wurde, dreht ihre Runden. In „theresiasong“ zelebriert sie mit einem Lächeln den Tod ihres Mannes, der sie ständig verprügelt hatte. Etwas später nimmt sie der Liebe Augustin an der Hand und sagt: „i nimm an laungan zug / i kumm im mai easchd zrugg / liab driffd mi wiara blitz / wiari do sids.“ „olles is hin“. Trotzdem.

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Auf der „nosn“ des Leopoldsbergs macht die Welt wieder die Tür auf. Mit einem Gehstock und zwei Flügeln lässt sich die Reise vom Tag in die Nacht bewältigen und vom Leben in den Tod. Dazwischen ist ein Platz zum Bleiben. So wie in der „siedlung“, die man erreicht, wenn man vom Friedhof der Namenlosen noch ein Stück Richtung Einsamkeit fährt. Von dort ist es nicht mehr weit „en a gaunz a oedes laund drunt aum wossa“. Ein guter Zeitpunkt, um die Tür zu schließen. Der Rückweg liegt im

Finstern.

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Aus „daune iwan fluss“ grüßt „Deep River Blues“ von Doc Watson. Daneben, mitten auf der Straße, wacht der „weg“ „blödslech wieda auf / und wiad bugglad und wiad grumm und sogd wos hosdn“. Er mündet in die „hainbuaga schdrossn“ und bleibt dort liegen. Weil da stehen schon die Leute und warten aufs Glück. „waun ma aufs gligg woat / deaf mas ned äulech hom / und zeid muass ned imma vagee“. Manchmal ist das Glück auch nur eine Zigarettenschachtel entfernt. „owa waunsd auf dei gligg woatsd / deafsd ned bescheidn sein / bescheidane leid bleim dahaam.“

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Im Dunklen tastet sich „vü iwa mi“ vorsichtig an der Wand entlang und sucht nach dem Lichtschalter. Fenster und Türen sind verriegelt, irgendwo im Raum schimmern zwei Augen, die aufmerksam jeden Schritt verfolgen. Der Kanarienvogel piepst im Nebenzimmer und nervt die Katze, Taube und Fuchs sind ausgeflogen. „Owa du frogsd / wea bin i“.

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Am Ende, die „wüdnis“.

Stefanie Panzenböck Wien, 2020

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